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Anti-Alkoholiker. Drogen-Gegner. Christ. Veganer. Techno-Punk.
Happy Hardcore. Speed Metal. Querdenker. Öko-Terrorist. Egozentriker.
Opportunist. Freidenker. Dies sind nur einige der Begriffe, die im Zusammenhang
mit MOBY von Journalisten immer wieder gerne verwendet werden. Bei genauerer
Betrachtungsweise entpuppen sich solche Termini jedoch als sinnentleerte
Schlagwörter, die in etwa so viel aussagen, als würde man The
Beatles auf die Formel "die netten Pilzköpfe aus Liverpool"
reduzieren.
Nicht daß keines der genannten Charakteristika auf
MOBY zutreffen würde! Sein Leben als auch seine Musik besitzen die
unterschiedlichsten Facetten und werden sie wahrscheinlich auch für
immer und ewig besitzen.
Verwirrung ist dadurch vorprogrammiert, vielleicht sogar Verärgerung,
möglicherweise auch eine Erweiterung des eigenen Horizonts, auf jeden
Fall aber ein gehöriges Maß an Spannung, Energie, Inspiration
und Unterhaltungswert.
Dennoch, wie definiert man das Phänomen MOBY? Richard Hall, so sein
bürgerlicher Name, wurde in New York geboren und wuchs in Conncticut
bei seiner in Scheidung lebenden Mutter und seinen Großeltern auf.
Den Alltag verbrachte er in der kleinbürgerlichen Atmosphäre typisch
amerikanischer Vororte, während das Wochenende seiner Hippy-Mutter
und deren doch weit unorthodoxerer Kommune gehörte.
Diese Eindrücke erweckten in MOBY das Gefühl,
ein Außenseiter zu sein. Mit leichter Ironie erzählt er: "Meine
Mutter nahm Acid während sie mit mir schwanger ging. Ich denke, das
erklärt einiges."
Wie bei den meisten Außenseitern seiner Generation, die ihr Herz am
rechten Fleck und ihren Verstand noch nicht völlig verloren hatten,
bedeutete Punk das musikalische Schlüsselerlebnis für MOBY. Von
diesem Ausgangspunkt bewegte er sich in Richtung New Wave, fand aber auch
Gefallen an der HipHop-Szene und landete und landete schließlich bei
solch in sich völlig kontrastierenden Musik-Genres wie Industrial Reggae
(!?), PolitHardcore und "schlechtem" Rock'n'Roll, wie es MOBY
selbst hintergründig beschreibt.
Getrieben von einer Art Punk-Mentalität, schlitterte
er durch eine Unmenge recht zweifelhafter Bands, wovon am erinnernswertesten
noch die Speed-Metal-Freaks The Vatican Commandoes sind, dann noch das politisch
radikale Harcore-Kuriosum Flipper und die 4AD Kunst-Rocker Ultra Vivid Scene,
bei denen er kurzzeitig während der 80er als Gitarrist einsprang.
Zu diesem Zeitpunkt warf aber schon eine völlig neue,
einzigartige Subkultur ihre Schatten voraus. Immer offen gegenüber
jeglicher Art von innovativer Musik, so lange sie seinen Bauch, sein Herz
und seinen Kopf an der richtigen Stelle ansprach, wurde MOBY rückhaltlos
in den Bann der sich gerade rekrutierenden AcidHouse-Szene gezogen. Er war
fasziniert von ihrer bislang ungekannten Energie, ihrem ungezwungenen Gemeinschaftsgefühl
und der Aussicht auf eine neue, bessere Welt als Kontrast zur stetig unerträglicher
werdenden Leichenfledderei imRock-Biz. Er startete Djing und Mixing mit
dem gleichen Enthusiasmus, mit dem er schon als Kind die Gitarre erforschte
und 1991 zählte er schließlich zu den schillerndsten Figuren
auf dem Dance Sektor, dies- und jenseits des Atlantik. Im Oktober jenes
Jahres erreichte "Go" (ja genau, der Titel mit dem prägnanten
Twin Peaks-Thema) die Englischen Top 10 und MOBY sah sich plötzlich
als die Gallionsfigur der Techno-Szene, nicht zuletzt aufgrund seiner elektrisierenden
Live-Shows und seines unbändigen Charismas.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Debütalbums
1995, hatte MOBY mit dem Kapitel Dance innerlich bereits abgeschlossen.
"Everything Is Wrong" war in seiner stilistischen Vielfalt und
seinem hohen Qualitätsstandard eine erfrischende Offenbarung auf einem
Terrain, das mehr und mehr von Techno-Puristen, Eigenbrötlern und das
Licht der Öffentlichkeit meidenden Studio-Tüftlern beherrscht
wird. Darüberhinaus gelang diesem Werk die seltene Balance zwischen
geistigem Eklektizismus und spiritueller Kontinuität. Egal ob er Wände
mit dem ekstatischen Diva-House von "Feeling so Real" zum Einstürzen
bringt, ob er mit dem Turbo-Metal von "All That I Need Is To Be Loved"
Löcher in die Bühne bohrt, ob er bei "Into The Blue"
sich im Glück suhlt oder Reggae, Jungle, Rock und Soul ineinander verwebt,
unverkennbar bleibt eine strikte Haltung, eine durchdachte Ästhetik
und nicht zuletzt eine starke Persönlichkeit. Genau darin liegt auch
der Hintergrund seines zweiten Albums, das in seiner Fan-Gemeinde für
derart viel Verwirrung, Respekt oder Wut sorgen wird, wie man sie wohl seit
dem Wechsel Bob Dylans von der akustischen auf die elektrische Gitarre nicht
mehr erlebt hat.
Bei Veröffentlichung seines Debütalbums sah sich
MOBY mit seiner Idee eines globalen Club-Sounds allein auf weiter Flur.
Der immer stärker in den Vordergrund tretenden Intelligent-Techno-Szene
konnte er nur wenig abgewinnen, vermißte er doch gerade hier das Elementare
jeglicher Form von Dance-Music.
"Der einzige Unterschied zwischen Intelligent-Techno und anderen Techno-Spielarten
besteht darin, daß man zu Intelligent nicht tanzen kann und weiße
Jungs meiden meist die Tanzfläche, weil sie sich einfach nicht bewegen
können." Ein Großteil der Dance-Music, die ihm zu Ohren
kam, besaß nicht mehr diesen undefinierbaren, aber nichtsdestotrotz
unentbehrlichen Vibe, der ihn diese Musik erst so sehr lieben ließ.
Nun aber zurück ins Hier und Jetzt....
Im Januar dieses Jahres erzählte er dem NME: "Rock war nahezu
die einzige Musik, die mich vergangenes Jahr künstlerisch inspirierte.
Dance besitzt mittlerweile nicht mehr den Spirit wie vielleicht vor 5 Jahren,
während eine Hole- oder Smashing Pumpkins-Platte mich sowohl emotional
als auch geistig berührt und in mir den Wunsch weckt, sie zu einem
Teil meines Lebens zu machen .... Ich suche die Verbindung zu einer menschlichen
Komponente." Für Scheuklappenträger heißt das nichts
anderes, als daß das neue Album "Animal Rights" ein R.O.C.K.-Album
ist. Tod und Teufel!
Für diejenigen, deren Köpfe noch frei von Kultur-Faschismus
sind, bedeutet das, daß er eine Platte produziert hat, auf der die
G*T*RRE als Klangerzeuger im Vordergrund steht. Keine Keyboards, keine Sequenzer,
keine Sampler, schlicht und ergreifend G*T*RREN. Dieser Sinneswandel involviert
natürlich folgerichtig einen unverzeilichen Verrat an der Dance-Revolution
und allem wofür sie immer stand!? Muß es wohl, jedenfalls wenn
Dance-Music im Kontrast zu Emotionalität, Offenheit und freiem Gedankenaustausch
steht, also jenen Tugenden, die erst das Ideal einer "One Nation under
a Groove" entstehen ließen.
Die Stimmung auf weiten Strecken des neuen Albums ist so
übersteigert und so überschwenglich, daß sie fast schon
wie ein Cartoon wirkt. Das ist durchaus nicht negativ zu verstehen, denn
MOBY war nie auch nur halb so sinnesfeindlich wie ihn die Karikaturen als
"christlicher Veganer" vielleicht erscheinen lassen. Hört
man einen Song wie "Come On Baby" in all seiner explizit sexuellen
Doppeldeutigkeit, werden solche Vorurteile völlig ad absurdum geführt.
Wo wir schon beim Thema sind: der trommelnde, knöchrige Hardcore von
"Someone To Love" eigent sich als Aprés-Sex ebenso wie
der Techno-Grindcore in "Soft". Wer MOBYs hintergründigen
Humor versteht, wird darüber selbst noch auf dem Weg zum Operationstisch
lachen.
Sollte sich dies alles ein wenig furchterregend und unverständlich
lesen, dann sollte man sich einfach die Platte anhören und sich sein
eigenes Urteil bilden. Bei allem Willen zur Provokation kann MOBY seine
angeborene Pop-Sensibilität nie verleugnen, wodurch selbst die brutalsten
Stücke auf dieser Produktion nichts von ihrer teuflischen Spannung
und süchtigmachenden Intensität verlieren.
Selbst wenn man "Animal Rights" als krassen Einschnitt
betrachtet, läßt sich nichtsdestotrotz eine Verbindungslinie
zu seinem früheren Schaffen ziehen. Das Stück "You"
klingt z.B. wie einer seiner alten stampfenden Rave-Tunes nach einer Behandlung
im Zement-Mischer. Das Instrumental "Love Dies" reaktiviert die
üppigen Streicher-Arrangements von "Everything Is Wrong",
ersetzt jedoch die satten Piano-Akkorde durch Gitarre und Violine.
Augenscheinlich mag MOBY momentan mehr Gemeinsamkeiten
mit Ministry aufweisen als mit dem Ministry Of Sound (bekannter House-Club
in London), aber wenn die Sprache auf seine vielbeschworene Beziehung zum
Inistry Of God kommt, sieht er sich unter Erklärungsdruck. Auf dem
Cover seines neuen Albums findet sich ein ähnlich kompromißloses
Statement wie schon auf "Everything Is Wrong" und dem Remix-Album,
aber diesmal mit einer klaren Abgrenzung von christlichen Moralvorstellungen,
mit denen einige besserwisserische Ignoranten MOBY in Verbindung gebracht
hatten.
MOBY ist zwar ein zutiefst moralischer Mensch, aber er
ist kein Moralapostel. Er schreibt: "Christus predigte Liebe, Bescheidenheit
und Mitgefühl, jedoch nie Haß und Voreingenommenheit." Für
diejenigen, die mehr als nur einen flüchtigen Blick auf seine Biographie
innerhalb der vergangenen Jahre geworfen haben, dürfte dies keine Überraschung
sein. Er ist der Mann, der bei aller Ablehnung gegenüber Drogen, nie
die positive Wirkung von Ecstasy auf die frühe Rave-Szene bestritt.
Was man unbedingt über MOBY wissen muß, ist,
daß er nahezu krankhaft ehrlich ist. Er bleibt seinen Idealen treu,
selbst wenn sich dadurch ein Großteil seiner Fan-Gemeinde, der Medien,
der Plattenfirma und seines Managements auf einen Schlag von ihm abwenden
sollte. In einer Kultur, die sich weitestgehend durch Kompromisse konstatiert,
mag das für den ein oder anderen schwer nachvollziehbar sein. MOBY
besitzt dadurch jedoch eine einzigartige Position im Dance-Genre bzw. im
Rock-Genre (die genaue Einteilung bleibt jedem selbst überlassen) und
"Animal Rights" entfaltet die Wirkung einer Brandbombe. Allerdings
hat auch nie jemand behauptet, daß Genialität für jeden
leicht bekömmlich sei. |